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TODESTRAKT- Worte von Tony Medina

„….wenn jeder seine eigenen Gedanken hätte, wird es nicht lange dauern bis sie sich nach innen kehren, und in den, der sie denkt….wo der Weg zum Irrsinn liegt“.

Was man darüber sagt, dass sich die Geschichte wiederholt, stimmt. Vor ein paar Jahren saß ich in genau demselben Käfig, auf der gleichen stählernen Liege, schrieb auf der gleichen Schreibmaschine über diese Welt in der ich seit 1996 lebte, dem TODESTRAKT: So sicher wie ich hier sitze und diese Worte schreibe so sicher ist der Todestrakt eine eigene Welt.

Aber das war für eine andere Website, die ich im WWW verlor als jemand, dem ich vertraute, durchgedreht ist und alles gelöscht hat. Also bat mich mein Freund, der diese Seite für mich führt und mit mir kämpft, mein Leben zu retten, etwas darüber zu schreiben, oder zu beschreiben ,wie es im TODESTRAKT ist. Also bin ich wieder da, und es hört sich poetisch an….Es ist kurz nach halb zwölf am 31. Dezember 2007, SILVESTER. Seit sich vor 12 Jahren in dieser Nacht mein Leben für immer verändert hatte, fühlt es sich jetzt richtig an, dass ich versuche, Euch einen kleinen Einblick in diese Welt zu geben, in der ich jetzt lebe.

Ich versuche nun schon seit über einem Monat, die Worte hier zusammen zu bringen, aber ich konnte mich einfach nicht genügend konzentrieren, aber dann, etwas früher an diesem Abend, als ich so in diesem Käfig saß und ein Buch las, dass mir ein Freund geschickt hatte, war es plötzlich so, als seien meine Gedanken wie die 777 aufgereiht in einem Einarmigen Banditen in Las Vegas und so kamen die Gedanken sprudelnd aus mir heraus.

In den über elf langen Jahren die ich auf dem Todestrakt bin (4126 Tage, um genau zu sein) haben mich eine Menge Leute von der Welt da draußen gefragt, wie es denn hier drinnen ist. Was machen wir hier den ganzen Tag? Wie werden wir behandelt? Wie ist das Essen? Können wir Freundschaften schließen? Wie kauft man Briefmarken und was zum Essen? Was dürfen wir haben? Was denken wir darüber? Wie kommt man mit der Tatsache klar, dass man in diesem Käfig gefangen ist? ...Einhundert verschiedene Fragen mit eintausend verschiedenen Antworten. Letztendlich hat jeder dieser Männer, die hier in diesen Beton und Stahl- Käfigen eingesperrt ist, seine eigene Art mit dem hier sein klar zu kommen. Also wollte ich es dieses Mal ein bisschen anders machen und euch eine Führung geben durch den Todestrakt und ihr seht ihn mit meinen Augen…

Wenn man die Polunsky Unit zum ersten Mal betritt ist es für die meisten Leute, die dieses zum ersten Mal tun, eine sehr verwirrende Angelegenheit. Sie haben schon ihre eigenen Ideen und Vorstellungen, wie es wohl sein wird. Dann kommen sie an und sehen riesige Gebäude aus Zement, Rolle um Rolle fleisch- zerfetzender Stacheldraht und Zäune hinter Zäunen hinter noch mehr Zäunen und dort stehen dann die hübschen Blumen genau vor dem Haupteingang… Wie kann man diese Gegensätze umsetzen?

Das ist das Volk des Todestrakts….Eine Welt voller Gegensätze, Nicht nur der Platz selbst ist ein Gegensatz aber viele von uns da drinnen sind es auch.

Diesen kleinen Platz den ihr seht, das ist das worin wir gezwungen sind den Rest unseres Lebens zu verbringen. An fünf Tagen pro Woche ist es uns erlaubt, uns innerhalb größerer Käfige zu bewegen, entweder drinnen oder draußen, wo wir durch die stählernen Gitter ein Stückchen Himmel erkennen können, um uns dort zwei Stunden lang zu erholen. Mit seinen etwa 7 x 11 Fuß ist es kleiner als die meisten Badezimmer in irgendwelchen Wohnhäusern. Könntest DU Jahre Deines Lebens eingeschlossen in Deinem Badezimmer verbringen? Natürlich zeigt Dir dieses Bild nicht die tropfenden Decken, wenn es regnet, so dass du mit einem Boden voller Pfützen erwachst und es deine paar Sachen durchnässt hat. Es zeigt dir nicht die Duschen, die voller Stockflecken sind und ständig nach Urin riechen. Es zeigt Dir nicht, wie schmutzig der Gang ist, weil die Insassen, die ihn putzen sollten, bloß oberflächlich gewischt haben mit einem Lappen, den sie in braunes schmutziges Wasser tauchten.

Zelle Zelle

Todestrakt hat mit Deinen Gedanken zu tun. 10-15 Jahre in normalem Strafvollzug zu sein hat mehr damit zu tun, körperlich durchzustehen, festzusitzen. Du weißt aber, dass du eines Tages raus kommst. Aber der Todestrakt…. Der Todestrakt ist eine ganz andere Geschichte. Todestrakt ist eine Gedankenschlacht. Entweder sind wir auf dem Boden oder wir liegen auf der stählernen Pritsche mit unseren Augen an der Wand, während unsere Gedanken um sich selbst kreisen wie in einer Waschmaschine. Wir wundern uns, warum wir von den Menschen aus unserer Familie nichts hören oder von denen, die uns ihre Freunde nannten.

Wir werden verrückt wegen der Anwälte, die uns vom Staat gestellt werden, die uns und unsere Geschichten nicht kennen und nur Horrorgeschichten von anderen Insassen hören. Wenn es ganz schlecht läuft, schreibt uns auch niemand, dann haben wir auch keine Bücher um uns abzulenken, weil das TDC sagt, es gibt nicht genug Personal, um uns Bücher auszuhändigen und wir haben niemanden, der uns ein Buch von draußen bestellt. Wenn uns unsere ID Karte zurückgegeben wird, mit der kompletten Liste von Dingen in roter Tinte ausgestrichen, von denen wir etwas haben wollten und da steht „KEINE $“ und du siehst wie alle anderen Eiscreme essen nur du nicht. Wenn Texas Deinen besten Freund „legal“ ermordet hat oder den Mann, den Du wie einen Bruder gesehen hast über unzählige Jahre und du nicht einmal schlafen kannst, weil die Wachen nicht damit aufhören, die Tore zuzuschmeißen, so dass Deine Zelle vibriert…. Und dann fängt die Stimme an. Das erste Mal, wenn Du „diese“ Stimme hörst, hast Du Angst. „Ist es das? Werde ich verrückt?“ Und dann merkst Du, dass Du Deine eigene Stimme hörst, die die Fragen stellt…

Liste 2005

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Das ist nichts, was mir ein anderer erzählt hat, ich bin da gewesen. Ich bin mit kaltem Schweiß mitten in der Nacht wach geworden und habe die Stimme gesucht die zu den Schreien gehörten. Ich saß in diesem Käfig und habe mich gefragt, wo all die Menschen, die ich kenne waren. Ich lag in der Dunkelheit, hörte meine eigene Stimme mich fragen, ob ich wohl nun verrückt werden würde. Das ist das was diese Absonderungs- Haft tun soll, sie soll Deinen Verstand brechen. Du stehst in deinem Käfig um zwei Uhr am morgen in der Dunkelheit und stellst Dir vor, dass tausend Augen Dich ansehen.

Es ist schwer, Leute. Es ist schwer mit diesen Dingen klar zu kommen und dabei nicht zu verlieren. Wenn Du nicht selbst stark wie Stahl bist, wenn Du in dir selbst nichts findest, dass Dich aufrecht hält, dann WIRST du verlieren. Manche Kerle hier finden den Frieden in Gott. Sie fühlen ihre Stärke in der Religion, die Ihre Seelen ruft. Manche Kerle sind gesegnet und haben Glück, ihren Seelenverbündeten hier zu finden. Gefangen in dieser Hölle finden sie etwas was sie eigentlich nie richtig kannten, Liebe. Und manche finden neue Freunde durch das Internet. Sie schließen Freundschaften mit Menschen irgendwo auf dieser Welt und bilden Freundschaften, die ihnen helfen, die Bänder mit den Menschen abzuschneiden von denen sie vorher dachten, sie würden sich kümmern. Viele Todesstrafenbefürworter verunglimpfen diese Menschen in Foren im Internet. Aber die Wahrheit ist, dass nur eine wahre, ernsthafte Freundschaft ein Leben retten kann. Männer auf dem Weg ihr Leben aufzugeben können gerettet werden durch die Worte einer einzigen kümmernden Person.

Wie kann ich es in Worte fassen, wie wir behandelt werden? Wie man uns ernährt? Wir werden Tiere genannt vom Ankläger, wenn er die Geschworenen bittet, uns umzubringen. Dann kommen wir in den Todestrakt und werden wie Tiere behandelt, damit sich dieses Bild in unser Bewusstsein drückt. Immer dann, wenn wir erst gefesselt oder angekettet werden, immer dann, wenn wir unsere Käfige verlassen und irgendwo hingehen.

Um es weiter in uns zu implizieren, füttern sie uns wie Hunde. Zur Hölle, ich habe hunderte Male von den Wachen gehört, dass sie dieses Essen nicht mal ihren Hunden geben würden! Aber sie haben kein Problem damit, es uns zu geben, sie haben kein Problem Tabletts mit schmutzigem Essen auszuteilen, dass sauer riecht und uns und unseren Boden verschmutzt, wenn es beim reinschubsen durch das „Bohnenloch“ überschwappt. Wenn ein Zoowärter auf Video gefilmt würde, wenn er das gleicht bei einem Tiger macht, würden die PETA und andere Tierschutzorganisationen innerhalb von Sekunden dagegensprechen, und nach besseren Haltungsbedingungen rufen. So habe ich es in der harten Weise kennen gelernt, dass Menschen es leichter finden, sich für Tierrechte einzusetzen, die es „wert“ sind. Aber frag die mal, sich für einen Mann im Todestrakt einzusetzen, der bewiesenermaßen unschuldig für ein Verbrechen einsitzt und dafür getötet werden soll, was bekommst du??? Stille.

Zur gleichen Zeit ist das TDC gut mit seinen Tricks. Ein paar Leute kämpfen für uns. Wenn das TDC dann gefragt ist oder eine Gruppe von VIPs durch die Gänge geführt wird oder sie ein neues Bild auf ihre Website stellen wollen um zu zeigen, wie human der Todestrakt ist, dann bekommen wir besonderes Essen. Die Tabletts sind sauber und ordentlich, das Essen ist gut gekocht und sieht schön aus. Und dann der Vorzeige Gang, der immer sauber ist, gut riecht, wo der Boden mit sauberem Wasser und Putzmittel gereinigt ist und die Duschen sauber und gestrichen sind… Aber wen halten sie damit zum Narren?

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Aber bitte, versteht mich jetzt nicht falsch. JA; ich beschwere mich darüber, wie wir behandelt werden, weil kein Mensch gezwungen werden sollte, so zu leiden. Unsere Strafe soll es sein, unser Leben zu verlieren, unsere Hinrichtung. Aber das TDC will uns tausende Male bestrafen, bevor wir hingerichtet werden. Aber ich heule nicht über diesen Scheiß. Ich versuche bloß, Euch die verborgenen Wahrheiten über den Todestrakt zu zeigen. Letztendlich könnten Leute, die mich kennen auch bestätigen, dass ich normalerweise gar nicht viel über diese Dinge sage. Ich habe einen ganz einfachen Grund dafür. Ich versuche nicht zu viele Gedanken über all diese negativen und deprimierenden Sachen zu verschwenden. Ich versuche, in meiner eigenen Art, positiv zu bleiben. Es gibt nichts GUTES daran, im Todestrakt zu sein, gefangen in einem Käfig mit deinem Leben an einem seidenen Faden über deinem Kopf baumelnd, doch es gibt manchmal kleine Sonnenstrahlen die durch die Wolken kommen.

Ich habe nicht viele „Freunde“ hier und die meisten Kerle werden mich als zu ernst und unsozial bezeichnen. Aber die, die ich hier drinnen Freunde nennen, die wissen das. Was muss man nicht sagen, viele hier drinnen hatten ähnliche Erfahrungen und Leben, sowohl hier drin als auch auf der Strasse, also können wir eine Konversation haben mit sechs Worten und dem Ausdruck auf unseren Gesichtern. Das sind die Kerle mit denen ich mich hinsetzen und für Stunden reden kann. Sie bringen mich in die Realität zurück, wenn mein Kopf mal wieder kurz davor ist, zu explodieren. Sie sind auch meine Brüder im Bemühen. Männer, die mir im wahrsten Sinne des Wortes Brüder geworden sind innerhalb dieser Mauern. So wie auch echte Brüder sind wir nicht immer einer Meinung aber wir sind füreinander da, wenn wir uns brauchen. Ich währe schon Jahre zuvor hingerichtet worden wenn es nicht diesen einen Bruder gegeben hätte, der sich für mich eingesetzt hat und mir geholfen hat, für mein Leben zu kämpfen. Viele draußen werden es nie verstehen, wie es uns möglich ist, solch starke Bande zu schließen. Ich glaube ich kann es mit Männern vergleichen, die zusammen im Krieg gewesen sind. Traumatische Erfahrungen zusammen durch zu stehen, kann Männer wohl so zusammenbringen. Gemieden von vielen Menschen draußen, formen wir unsere eigenen Welten auf dem Todestrakt. Wir reden miteinander in der Erholungszeit und wir werfen unsere extra Nahrung zusammen, damit wir dann miteinander teilen können.

Allein diese simple Tat miteinander zu essen, fokussiert uns. Der Rest des Tages mag verrückt sein, aber in diesen 30 Minuten können wir uns entspannt zurücksetzen und unser Essen zu uns nehmen, dass WIR Gekocht haben und unser Wasser trinken und wissen, dass wir auf der gleichen Seite sind wie jeder andere in dieser verrückten, chaotischen Welt.

Für mich persönlich liegt viel Fokus auf meiner Berufung. Meine Freunde und Brüder wissen das, wenn ich also zu ihnen gehe oder sie zu mir kommen, sprechen wir über unsere „Kämpfe“. Wir tauschen Ideen für unsere Kampagnen aus und versuchen einander irgendwie zu helfen. Es gibt immer noch Zeiten in denen ich die Dunkelheit über mir zusammenbrechen fühlen kann, und die Stimmen dann wieder lauter werden, und das sind die Zeiten in denen der eine für den anderen einsteht und man auf die Kraft der anderen vertraut. Wir laufen alle dem gleichen Ziel entgegen. Unsere Freiheit zu bekommen. Zu LEBEN.

Etwa eine Stunde weit von wo wir in unseren Käfigen sitzen, ist in Huntsville Texas die WALLS UNIT.

Hunstville Hinrichtung

Innerhalb dieser Mauern hat der Staat Texas über 400 Männern und Frauen das Leben genommen, mehr als in 3 oder 4 anderen Staaten zusammen. So wie jeder Mann versucht mit den mentalen Herausforderungen in eigener Art und Weise zurecht zu kommen, muss jeder einzelne von uns mit der Möglichkeit, dem Tod ins Auge zu sehen in eigener Art und Weise zurecht kommen. Manche entscheiden, den Anwälten alles zu überlassen und sie sitzen nur da und warten auf Neuigkeiten. Ich wähle den Kampf. Ich wähle, meine Geschichte publik zu machen, in der Hoffnung dass irgendwo da draußen jemand ist, der sich kümmert und entschließt, mir zu helfen.

Sogar mit meiner Kunst, die ich in den letzten fünf Jahren entwickelt habe, wähle ich zu kämpfen. Für Jahre nun ist der Todestrakt limitiert, was die grundlegenden Kunst Hilfsmittel betrifft, bunte Stifte, Wasserfarben, Leinwände und Stifte.

Doch sind einige Kerle talentierte Künstler geworden und benutzen diese Materialien in einzigartiger und kreativer Weise. Wir versuchen unsere Stimmen durch unsere Kunst zum Ausdruck zu bringen. Manche Kerle wollen einfach, dass man ihre Stimmen hört. Das ist ein großer Teil unseres Kampfes. Ich habe mit Männern geredet, die in die Mauern der Mauern gegangen sind und stunden lang nur ein paar Meter von der Todeskammer entfernt waren, bloß um dann einen „Stay“ zu bekommen und wieder zurück in den Todestrakt zu kommen. Jeder einzelne dieser Männer wurde durch seine Erfahrungen verändert. Einigen hatte es den Kampfesgeist geraubt, während andere danach noch verbissener kämpften.

Verborgen in seiner eigenen Qualkammer versteckt sich der gesichtslose Mörder des Staates hinter verspiegeltem Glas, wenn er sein Gift mischt und er sich vorbereitet, um einem anderen menschlichen Wesen das Leben zu nehmen…. Manchmal, wenn ich den Boden meines Käfigs abschreite, frage ich mich wie dieser gesichtslose Mörder mit seinen Taten zurechtkommt. Bereut er es, Männer getötet zu haben, deren Unschuld Jahre nach ihrer Hinrichtung bewiesen wird. Oder rechtfertigt er seine Taten mit der Begründung, es wäre der „Job“ des Systems, solche Entscheidungen zu treffen.

 Spritzen

Für manche Männer endet ihr letzter Schritt auf dem Todestrakt, wenn sie zu „Boot Hill“ gebracht werden.

Friedhof

Das ist TDCs Insassen Friedhof. Todestraktinsassen, die keine Familie und Freunde haben oder deren Angehörige es sich nicht leisten können, sie zu beerdigen, werden für immer mit ihrer TDC Nummer bekannt sein, die auf einem hölzernen Kreuz eingeschnitzt ist….

 

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